HABEDEHRE

“Der große Plan”, so hieß unser Vorhaben in einer der geliebten Listen, die die Dame des Hauses zu führen pflegt. Frisch verliebt planten wir unsere Zukunft und wollten sie mit dem vielleicht größtmöglichen Schritt Realität werden lassen:
Wir ziehen zusammen, legen zwischen unser altes und das gemeinsame neue Leben 600km, suchen uns eine neue Stadt, neue Jobs, neue Freunde – alles auf ein Mal.

Unsere Idee damals: Wir schauen uns das hier 2 Jahre lang an, dann überlegen wir weiter. Geht es schief oder fühlen wir uns nicht wohl, ja mei, dann packen wir unser Zeug und versuchen es an einem anderen Ort. Die ersten 2 Jahre vergingen. Es folgte ein weiteres. Noch eines. Und noch eines. Im Dezember 2020 feiern wir unser 10jähriges Jubiläum in München.

Photo: @stdtnrtkr / Flickr

Die Stadt war gut zu uns. Wir haben Karriere gemacht, haben neue Menschen kennen gelernt, großartige Freunde gefunden. Biergärten, Wirtshäuser, Museen, die Berge, all das ist uns ans Herz gewachsen. Wir haben geheiratet, unsere beiden wundervollen Kinder sind hier zur Welt gekommen. Wir haben gelacht, geweint, uns geärgert, haben mit anderen gezittert, gefeiert und viele sehr schöne Momente geteilt.

Kein Ereignis hatte so bestimmenden Einfluß auf mein Leben wie die Übersiedlung nach München.

Ludwig Thoma

Jetzt, inmitten dieser beschissenen Pandemie, stehen wir vor dem nächsten großen Schritt. Der große Unterschied: Dieses Mal machen wir ihn nicht allein, sondern zu viert. Wir treffen Entscheidungen nicht mehr nur für uns, sondern müssen noch 2 kleine Menschen in all unsere Überlegungen und Entscheidungen miteinbeziehen. Alles will wohl überlegt sein, alles ist umfangreicher und komplizierter geworden.

SERVUS MÜNCHEN

Machen wir es kurz: Servus München, es ist Zeit für uns zu gehen. Ende Januar wird unser ritueller Abschiedsgruß “Pfiati, Isar, bis bald!” eine zeitlich andere Bedeutung haben, als wenn wir zu den Großeltern oder in den Urlaub gefahren sind.

Es schmerzt. Der Entschluss hat geschmerzt, und all dies aufzuschreiben macht es nicht zwingend einfacher oder besser. Es schmerzt, sich all die Konsequenzen vor Augen zu führen, die diese Entscheidung mit sich bringt. Rational ist es die richtige Entscheidung zur richtigen Zeit (wenn man dieses Virus mal außen vor lässt).
Für unsere Bedürfnisse, nein, für einen Teil unserer Bedürfnisse, ist München nicht mehr die richtige Stadt. Wir wissen schon länger, dass es für uns nicht mehr geht. Oder in einer nicht allzu fernen Zukunft nicht mehr gehen wird.
Wir brauchen mehr Platz. Für die Kinder und für uns. Wir hätten gerne ein kleines Stückchen Grün direkt vor der Haustür, die Kinder sollen engeren Kontakt (sic!) zu ihren Großeltern haben, und auch wir werden uns in den kommenden Jahren mehr um unsere Eltern kümmern müssen. Wir wünschen uns für unsere Kinder ein wenig mehr Ruhe, nicht die permanente Hektik, um Schule, Arbeit, Kindergarten und Termine unter einen Hut zu bringen. Wir wünschen uns mehr Zeit. Für alles.

Und das Herz schreit dagegen an: Was ist mit den Menschen, den wichtig gewordenen Freundschaften und Beziehungen, die ihr hier zurück lasst? Keine spontanen Tierparkbesuche mehr? Keine lauen Sommerabende im Biergarten? Mit den Kindern mal eben ins Museum, an die Isar? Spontan in die Berge? Wiesn, Riesenrad fahren, Weißwürscht, Krapfen, mit Junior in der Tram wahllos durch die Stadt fahren, mit der Rübe auf den Olympiaturm (überhaupt: das Olympiagelände), Spaziergänge durch unser Viertel, den Englischen Garten oder “unseren” Ostpark, der #tpmuc, unsere Hausgemeinschaft, die Schäffler (die in diesem Jahr besonders oft bedacht wurden), Skifahren. All das lässt uns das Herz schwer werden. Sehr schwer.

JA. NEIN. DOCH.

Kann man diese Dinge gegeneinander aufrechnen, sind sie vergleichbar? Wir haben sie unzählige Male in den vergangenen Jahren gegeneinander aufgerechnet, haben abgewogen, Entscheidungen vertagt oder (zumindest für den Moment) ganz zur Seite gewischt. Aber der Gedanke, dass wir unsere Zelte hier irgendwann abbrechen müssen, war immer da.

Ich habe mein Herz nie großartig an irgendwelche Orte gehängt. Beim Umzug nach München auch nicht. Sicher, wir haben damals viele Dinge – vor allem Freunde – zurück gelassen. Göttingen zu verlassen war mir egal. Es gab nichts, was mich dort besonders gehalten hätte. Wir hatten dieses große Abenteuer vor Augen, und die Neugier auf das was da kommen würde überstrahlte alle Bedenken. Wir wollten unseren Neuanfang. In der alten Heimat wäre der auch gelungen, nur sehr viel holpriger.

Und wir wurden bestätigt. Für mich waren es bis hierhin die 10 besten Jahre meines Lebens, die ich für Nichts eintauschen möchte. Diese Stadt ist für uns alle zuhause geworden. Für mich ist es mehr zuhause als alle anderen Orte vorher. Vor 15 Jahren, als Besuche hier eher sporadischer Natur waren, bin ich am Bonner Platz in die U-Bahn Station gegangen, und als ich diesen typischen Geruch in der Nase hatte, habe ich, eher aus Jux, gesagt: Ah, zuhause! Dieses Gefühl verstärkte sich mit jedem Jahr, das wir hier verbrachten. Besuche in der alten Heimat waren genau das: Besuche. Es war nett da zu sein, und die Vorfreude auf zuhause, auf München, war immer größer.

Irgendwann werden wir feststellen, dass unsere Entscheidung die Richtige war. Eine Ahnung davon haben wir bereits jetzt. Richtig durchgedrungen ist es noch nicht.

AUS IS UND GAR IS,
UND SCHAD IS,
DASS’S WAHR IS.

Vielleicht bin ich derjenige von uns, der diesen Schritt am meisten bedauert. Aber so, wie wir alle vorherigen Schritte gemeinsam gegangen sind und Entscheidungen zusammen getragen haben, gehen wir auch diesen gemeinsam. Manchmal muss man selbst 3 Schritte zurück machen, um allen Beteiligten gerecht zu werden.

Wie gerne würden wir mit euch unseren Abschied feiern. Oder besser gesagt, gebührend Abschied nehmen. Euch alle einladen, irgendwo zusammen sitzen, ratschen, essen, trinken. Auf ein baldiges Wiedersehen anstoßen, in Erinnerungen schwelgen.
Dann wird uns klar, zefix, es ist Winter, es ist scheiß Pandemie – das geht doch so nicht! Keine Umarmungen, keine gemeinsamen Tränen? Stattdessen Abstands-Hoibe und Ellenbogen-Check? Geh leck!

Das Schöne ist, dass ich mir einbilde zu wissen, dass einige Leserinnen und Leser dieses Textes jetzt kopfschüttelnd vor ihrem Endgerät sitzen und denken: Wart’s nur ab, Bürscherl, so leicht kimmst ned davo! Das Traurige ist, dass ich mir einbilde zu wissen, dass einige Leserinnen und Leser dieses Textes jetzt kopfschüttelnd vor ihrem Endgerät sitzen und denken: Wart’s nur ab, Bürscherl, so leicht kimmst ned davo! Ach. Ach. Ach.

Servus. Pfiats eich.

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By Sebastian

Sebastian

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Dad of two. Ein Leben ohne Biergarten ist möglich, aber sinnlos. Ask no questions, and you'll be told no lies.